tibmed

Das über zweitausendjährige tibetische Medizinsystem gehört zu den kostbarsten und gleichzeitig am stärksten bedrohten Schätzen der Menschheit. Als Basis für die langfristige Sicherung des Wissens, dessen weitere Entwicklung und die Erforschung durch die moderne Wissenschaft präsentieren wir ein Projekt für eine neue tibetische Medizinhochschule in Indien.

 

Hintergrund

Tibetische Medizin

Die tibetische Medizin ist ein wesentlicher Teil der tibetischen Kultur. Sie hat das Potential, weltweit zur Linderung von Krankheit und Leid beizutragen, und dies unabhängig von der Religion oder dem kulturellen Hintergrund des Patienten. Neben der chinesischen Medizin, der Ayurvedischen Medizin aus Indien und Unani aus Persien ist die tibetische Medizin eines der wichtigen fernöstlichen Medizinsysteme.

Mittels ausgefeilter Diagnosemethoden wie der Puls- und der Urinanalyse sind geübte Ärzte in der Lage, Unregelmässigkeiten im Stoffwechsel in einem sehr frühen Stadium zu erkennen. Durch Verhaltensänderungen und Anpassungen in der Ernährung, verschiedene Therapien und Heilmittel können zahlreiche Krankheiten geheilt werden bevor schwerwiegende körperliche Schäden auftreten. In alten Lehrbüchern sind über 1000 Rezepturen aufgeführt, wovon heute noch knapp 200 produziert werden. Sie alle basieren auf komplexen Kombinationen von Medizinalpflanzen, Mineralien und organischen Stoffen. Zusammenfassend könnte die tibetische Medizin eine substantielle Ergänzung der modernen Medizin sein.

Doch wesentliches altes Wissen droht verloren zu gehen. Die Kapazitäten, um Ärzte auszubilden sind beschränkt, und es gibt kaum einen Austausch mit anderen Wissenschaftern und Medizinern. Eine Weiterentwicklung der tibetischen Medizin und die Anpassung an moderne Bedürfnisse sind unter den momentanen Umständen nicht möglich.

Das Tibetan Medical and Astro Institute (TMAI) in Dharamsala 

Das Tibetan Medical and Astro Institute (TMAI oder Men-Tsee-Khang) in Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung in Nordindien, hat sich in den letzten 40 Jahren zum wichtigsten Zentrum für Ausbildung und Anwendung der Tibetischen Medizin entwickelt. Somit kommt ihm entscheidende Bedeutung im Erhalt der tibetischen Medizin zu. Heute schliessen alle fünf  Jahre ca. 50 Ärzte ihr Studium am TMAI ab, die meisten davon arbeiten anschliessend in einer der 50 Zweigstellen in Indien und Nepal, welche sich häufig in den ärmsten Gegenden der Städte befinden. Somit wird auch ein wichtiger Beitrag zur medizinischen Grundversorgung dieser Quartiere geleistet.

Die pharmazeutische Produktion stellt ca. 170 verschiedene Medikamente her, basierend auf gegen 1000 verschiedenen Rohstoffen. In sehr beschränktem Rahmen werden wissenschaftliche Studien durchgeführt.

Um das alte Wissen lebendig zu halten, müssen die Einrichtungen für die Lehre, die Forschung und pharmazeutische Produktion verbessert und vergrössert werden.

Die neue tibetische Medizin-Akademie 

Das TMAI hat [project 21], die studentische Organisation für nachhaltige Entwicklung der ETH und Uni Zürich, angefragt, bei der Planung und Realisierung einer neuen, grösseren Akademie und pharmazeutischen Produktion behilflich zu sein. Ein solches Zentrum würde wesentlich helfen, das alte Medizinsystem zu erhalten, zugleich wäre es die Basis für eine vertiefte wissenschaftliche Zusammenarbeit mit westlichen Universitäten. Es soll nicht nur eine Bildungseinrichtung werden, sondern ein Ort des lebhaften Austauschs zwischen Wissenschaftern von Ost und West.

Machbarkeitsstudie 

Ausgehend von einer inzwischen vorliegenden Machbarkeitsstudie soll als 2. Schritt ein detailliertes Konzept erarbeitete werden, und schliesslich der Bau realisiert werden. Ein nun vorliegender Bericht deckt den ersten der 3 Schritte ab. Ein Schweizer Expertenteam besuchte zusammen mit dem Direktor des TMAI Dharamsala im November 2007 ein beispielhaftes Projekt in Bhutan, das bestehende Institut in Dharamsala und den vom TMAI vorgeschlagenen Ort für die neue Akademie. In ausführlichen Gesprächen mit S. H. dem Dalai Lama und der Leitung des TMAI wurden Ausrichtung, Organisation, Stil und bauliche Fragen der künftigen Akademie erörtert. In vorliegenden Bericht sind einige allgemeine Aspekte zu tibetischere Medizin zu finden, erste Details zum Curriculum, der Organisationsstruktur, der pharmazeutischen Produktion und zu baulichen Fragen. Details zum Spital, Businessplänen und zur Finanzierung müssen auf künftigen Missionen geklärt werden. 

 

Wichtigste Erkenntnisse und Schlussfolgerungen

Umfang des Projekts

Die neue Akademie soll im Endausbau aus einer Universität für etwa 200 Studierende bestehen, einem Spital mit etwa 150 Betten (inklusive einer Abteilung für klinische Studien), einer Anlage für die Produktion aller benötigten Medikamente und Unterkünften für Angestellte, Studierende und Besucher. Diese Zahlen wurden vom TMAI definiert aufgrund der Erfahrung des bestehenden Instituts. Sie müssen in enger Zusammenarbeit des TMAI mit Experten auf den Gebieten Medizin, Ausbildung und Pharmazie verifiziert und gegebenenfalls angepasst werden.

Wunsch S. H. des Dalai Lama

Im Rahmen einer Audienz erklärte S. H. der Dalai Lama seine Unterstützung für das Projekt und er gab detaillierte Informationen über seine Vorstellungen bezüglich der Ausrichtung und des Baustils der neuen Akademie. Er wies aber auch deutlich auf Probleme in der Vergangenheit hin, die es zu lösen gilt.

Nachhaltigkeit

Die traditionelle tibetische Medizin entspricht in vielen Aspekten der Idee der Nachhaltigkeit. Das nun geplante Projekt ist in der lokalen Bevölkerung verankert, und aufgrund des aktuellen Wissenstandes ist es vom technischen und finanziellen Standpunkt her machbar. Projekte in zahlreichen Ländern, die mit Schweizer Hilfe ausgeführt wurden, gelten als Beispielhaft in Punkten wie Bauqualität oder Management, was zu einem bleibenden Wert der Investition führt. Durch eine Kombination dieses Fachwissens mit der sanften Natur der tibetischen Medizin besteht das Potential für ein langfristig nachhaltiges Projekt.

Koordiniertes Vorgehen

Die verschiedenen Bestrebungen, die tibetische Medizin zu erhalten, sollten koordiniert werden. Dazu wäre - idealerweise bevor weitere Schritte unternommen werden - ein Treffen zu empfehlen, an dem engagierte Personen und Institutionen aus Ost und West zusammenkommen.

Ausrichtung

Die traditionelle tibetische Medizin soll das Herz der neuen Akademie sein, sie soll aber ein Ort des Austausches zwischen verschiedenen Medizinsystemen werden.

Curriculum

Neben der tibetischen Medizin soll jeder Studierende die Grundlagen der westlichen Wissenschaften lernen (z.B. Physiologie, Chemie, Botanik etc.). Für besondern motivierte Studenten sollen freiwillige Einführungskurse in Chinesischer Medizin, Ayurveda und Unani angeboten werden. Das Erarbeiten des detaillierten Curriculums, welches dem Wunsch gerecht wird, verschiedene Medizinsysteme zu integrieren, wird eine der Herausforderungen künftiger Planungsmissionen sein. Dazu müssen qualifizierte Experten beigezogen werden.

Gebiet

Für die neue Akademie wurden verschiedene Standorte in der Umgebung von Dharamsala und Delhi evaluiert, bevor das Schweizer Team ins Projekt involviert war. Vorteile von Orten in Südindien (u. A. bessere internationale Erreichbarkeit und grössere Akzeptanz der Exiltibeter durch die lokale Bevölkerung) wurden weniger stark gewichtet als die gewünschte Nähe zum Himalaya.  Daher wurden Standorte in Südindien wie auch in Nachbarländern nicht im Detail geprüft. Das TMAI hat Chauntra, Palampur, Himachal Pradesh, Nordindien ausgewählt. Chauntra ist am Fusse des Himalaya, ca 70 km von Dharamsala entfernt gelegen. Es beherbergt eine tibetische Gemeinschaft mit gut entwickelten Strukturen und das TMAI beurteilt die politische Situation im Staat Himachal Pradesh als friedlich und stabil.

Standort

Der vom TMAI ausgewählte Standort in Chauntra erfüllt die Anforderungen für die Errichtung einer neuen tibetischen Medizinakademie in Bezug auf die lokale Akzeptanz des Vorhabens, Besitzverhältnisse des Landes, Grösse, Erreichbarkeit, rechtliche Aspekte, klimatische Bedingungen, Schutz vor Naturgefahren sowie technische Aspekte wie Bodenqualität und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und Dienstleistungen. Das TMAI hat sich bereits das Recht auf das Land gesichert.

Baukosten von ca. 11 Mio CHF

Die reinen Baukosten für das momentan vorliegende, vom TMAI vorgeschlagene Programm werden auf ca. 11 Millionen CHF geschätzt, ohne die Kosten für Land, Planung und Einrichtung (Details zu diesen Punkten sind noch nicht verfügbar). Insbesondere in der pharmazeutischen Produktion dürften die Einrichtungskosten über den Baukosten liegen. Das gesamte Programm muss im Rahmen einer Konzeptphase nochmals gründlich überprüft und allenfalls angepasst werden. Details zur Finanzierung des Projekts wurden bisher nicht diskutiert.

Organisations-Struktur

Auf beiden Seiten (also Ost und West) muss eine Institution (z.B. eine Stiftung) geschaffen werden, welche die Verantwortung für das Projekt übernimmt. 

Die Organisationsstruktur für die Planung und Realisierung des Projekts auf tibetischer Seite existiert noch nicht und muss aufgebaut werden. ein Es muss einen vollamtlichen tibetischer Projektleiter ernennen werden, welcher die Fähigkeiten hat, ein solch grosses Projekt zu leiten. Dieser soll von einem westlichen Projektmanager und verschiedenen Experten unterstützt werden.

Auch auf Schweizer Seite muss die notwendige Struktur noch aufgebaut werden. Wir empfehlen eine Expertengruppe zu bilden, welche willens und fähig ist, das Projekt zu koordinieren und die auf Schweizer Seite benötigten Gelder zu beschaffen. Diese Gruppe sollte auf Basis einer Stiftung arbeiten, die gegründet oder gefunden werden muss. Bedingt durch den Status als nicht-professionelle Studentenorganisation kann [project 21], die Organisation welche auf Schweizer Seite für den ersten Schritt des Projekts zuständig war, die Verantwortung für die vorgeschlagene Konzeptphase oder spätere Schritte nicht übernehmen.

 

Zusammenfassende Erkenntnisse

Das TMAI in Dharamsala hat die klare Absicht bekräftigt, die neue tibetische Medizinakademie zu realisieren. Das Schweizer Team anerkennt den Bedarf und das Potential eines Ausbaus der bestehenden Einrichtungen und unterstützt daher das Vorhaben grundsätzlich. Bedingung ist jedoch, dass hohe Qualitätsstandards, welche den langfristigen Wert des Projekts sicherstellen, implementiert werden. Um ein Zentrum mit einer internationalen Ausstrahlung zu schaffen, muss die geplante Vergrösserung mit einer Strategie für eine wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Ost und West einhergehen. Dies bedingt grundsätzliche Überlegungen zu Fragen wie Curriculum, Forschung, pharmazeutischer Produktion etc.

Vorgeschlagener nächster Schritt

Als nächsten Schritt empfehlen die Schweizer Experten, eine Konzeptphase einzuleiten. Während 1 bis 2 Jahren könnten so alle Fragen bezüglich Unterricht, Forschung, Spital, Produktion, Organisation, Businessplan, rechtlichen Aspekten, Finanzierung etc. gründlich diskutiert werden. Als Resultat dieser Konzeptphase würde ein detailliertes Planungsdossier erstellt welches als Basis für den Entscheid dienen sollte, ob und wie das Projekt realisiert wird. Die Kosten für eine solche Konzeptphase werden grob auf 500'000 CHF geschätzt.

 


 

 

 

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